Tagebuch

Taschentücher

Am Sonntag auf dem Weg zur Arbeit ist mir ein ausländisch aussehender Mann mit dunklerer Hautfarbe in der S-Bahn aufgefallen, der eine Packung Taschentücher mit einem Zettelchen obendrauf bei jedem Abteil, in dem jemand saß, auf einem Stuhl liegen ließ. Mir reichten schon die ersten Worte auf dem Zettel, um zu verstehen, also knüllte ich das Zettelchen zusammen und packte es mit der Packung zusammen in meine Jackentasche, nachdem ich mich versichert habe, dass die Taschentücher ordnungsgemäß verpackt waren. Es ist ein scheiß Regenwetter und ich habe keine Taschentücher, warum kann denn nicht früher jemand auf diese Idee kommen, dachte ich mir und holte paar Centstücke raus (ca. 60 Cent). Der Mann musste ja die Taschentücher einkaufen, dann die Blätter mit dem Text bedrucken, also soll er auch für seine Mühen aufkommen. Man sollte ihn auch alleine wegen seiner Ruhe bezahlen: keine Vorstellung, keine Entschuldigung und kein Bedanken wie seitens der „Motz“-Verkäufer, die immer so ein Drum-Herum beim „Verkauf“ machen. Der Typ lief nach dem Verteilen wieder zum Anfang des Wagons und sammelte die Spenden oder die Taschentücher wieder ein. Ich habe kein Wort von ihm gehört und er stieg mit mir an der nächsten Station aus. Wir fuhren die Rolltreppe hoch und da sehe ich, wie er mit dem Zeigefinger im Nasenloch bohrt. Zu meiner Verwunderung nahm er anschließend kein Taschentuch zum Saubermachen. Letztendlich kann ich es aber irgendwie nachvollziehen, denn wer seine Ware selbst verbraucht, kriegt keine Kohle dafür.

Als ich schon umgezogen bei der Arbeit auftauche, sehe ich zwei Security Leute mit meiner Kollegin diskutierend am Tresen stehen. Die Diskussion dreht sich um einen Gast, der kaum 5 Meter weiter am Tisch sitzt und gerade von meinem anderen Kollegen sich beraten lässt. Der Gast ist vom Typ her der Gleiche wie der in der S-Bahn mit dem Unterschied, daß er den Leuten etwas vortäuscht. Seine Markenzeichen sind: ein langer dunkelgrüner Mantel, große schwarze Stiefeln mit dicker Sohle und eine Krücke. Den einen Stiefel hat er nicht vollständig angezogen, so daß es aussieht, als ob sein Fuß geknickt wäre, deshalb hinkt er und braucht die Krücke, um sich abzustützen. Er ist ein Simulant, der normalerweise vor dem Gebäude um Geld bettelt. Woher ich das weiß, daß er ein Simulant ist? Na weil vor ihm zwei seiner „Kollegen“ eben die gleiche Masche mit den exakt gleichen Markenzeichen abgezogen haben. Der erste, den ich beobachtet habe, war der Orginellste. Er hat diese behinderte Figur so gut gespielt, dass ich fast selber auf ihn reingefallen wäre. Er kroch auf dem Boden, zog sich mit seine Armen immer weiter vorwärts, ruhte sich aus und bettelte. Der zweite und der dritte war dann aber nicht mehr so sportlich, wie der erste: sie humpelten zwar, gingen aber aufrecht. Der dritte war sogar so unverschämt, daß er sich mal zu uns in den Garten setzte und sich eine Suppe bestellte. An diesem Sonntag ist er sogar so weit gegangen, daß er sich die Schweinemedallions für 12,- Euro leisten konnte. Extra Brot und Leitungswasser gab es umsonst dazu. Wir haben ihn toleriert, weil er im Voraus bezahlt hat und weil er sich anständig benommen hat. Jedoch ist er ein Simulant, das wußten wir alle, doch hat keiner was gesagt.

Auf dem Weg nach Hause ist ein bärtiger Typ vor mir stehengeblieben als die Bahn einfuhr. Er bohrte in seiner Nase, lutschte schnell diesen Finger ab und stieg ein, ob wenn nichts gewesen wäre.

Folgende Fragen schießen mir gerade durch den Kopf: Hätte der bärtige Mann die Taschentücher von dem Ausländer „gekauft“, wenn er ihn getroffen hätte? Wäre der Simulant vielleicht eher ein Taschentuchverkäufer, wenn er wüßte, daß er damit auch gut Geld verdienen kann? Ist diese Angewohnheit des Bärtigen seiner Partnerin bekannt? Wenn nein, was würde sie tun, wenn sie es erfährt? Wenn ja, steht sie darauf oder ist sie selbst dieser Angewohnheit verfallen? Ich meine, geben wir doch zu: jeder hat seine eigene Popel mal probiert – zumindest als Kind. Manche bleiben eben Kinder, manche werden erwachsen und versuchen irgendwie Geld zu verdienen, unter anderen auch mit Utensilien für Erwachsene wie z.B. mit Taschentücher.

Standard
Politik

Volksabstimmung in Ungarn

Ist schon interessant, dass auch Volksabstimmungen negativ behaftet werden können und als kontraproduktiv gewertet werden, wenn man einigen namenhaften Zeitungen in Deutschland glauben schenken darf. Interessant finde ich auch, dass aufgrund einer Hetzkampagne in Ungarn, die Orbán veranstaltet haben soll, die Leute mit „Nein“ abgestimmt haben sollen, wenn man ebenfalls einigen namenhaften Zeitungen glauben schenken darf. Dass die Hetzkampagne gegen Orbán schon zu seiner Zeit als neu gewählter Ministerpräsident Ungarns immense Ausmaße in Deutschland annahm und dies bis zum heutigen Zeitpunkt nur teilweise nachgelassen hat, mag schon vielleicht einige wenige Deutsche stutzig gemacht haben, aber die meisten glauben immer noch alles, was sie über Ungarn lesen und das wird nur was Negatives bleiben, solange Orbán an der Macht ist; das kann ich Ihnen versichern. Die letzten positiven Schlagzeilen über Ungarn liegen weit, weit zurück, zu den Zeiten vor Orbán. Dabei wurde genau zu jener Zeit das größte Übel durch die sog. Linksliberalen Politikern (die eigentlich alle Postkommunisten sind) den Ungarn angetan: Innerhalb von acht Jahren „Linksliberaler Regierung“ wurde durch Korruption und Misswirtschaft die Verschuldung des Landes von 55% des BIP auf 75% getrieben. Ungarn stand (und steht teilweise immer noch) am Rande des Staatsbankrotts. Ein Normalbürger verdient im Durchschnitt 400,- Euro im Monat und die Preise in Budapest liegen knapp unter denen in Berlin. Sozialleistungen, Krankenversicherung usw. sind im Verhältnis zu Deutschland ebenfalls genau so einzuordnen.

Bei der Volksabstimmung in Ungarn ging es um die Frage, ob die die Ungarn mit der Umverteilung der Flüchtlinge in Europa einverstanden sind. Es kursieren verschieden Zahlen über die Flüchtlinge, die Ungarn hätte aufnehmen sollen. Diese liegen zwischen 1000-1300 Personen. Fast einstimmig zu 98,33% stimmten die Ungarn gegen die systematische Verteilung der Flüchtlinge, die aus Brüssel festgelegt werden sollte; also mit einem „Nein“. Da aber die Wähler des Landes nur zu 40% Prozent zur Abstimmung erschienen, sprechen die namenhaften Zeitungen über eine Niederlage Orbáns – es hätten nämlich 50% der Bürger wählen gehen müssen, damit das Referendum rechtskräftig wird. Dass die linksliberalen Parteien ihre Wähler zum Boykott der Volksabstimmung aufgerufen haben, wird nur nebenbei erwähnt, wenn überhaupt. Natürlich nahmen die Linksliberalen keine Stellung zur eigentlichen Frage der Volksabstimmung, denn bei einem „Ja“, hätten sie wahrscheinlich viele Wähler aus den eigenen Reihen verloren, vielmehr verhielten sie sich kontraproduktiv und riefen zum Boykott auf. Wenn diese Wähler wählen gegangen wären, wäre die übermäßige Mehrheit trotzdem nicht zu kippen gewesen. Das ist bei den namenhaften Zeitungen aber eher zweitrangig. Zusammengefasst geht es denen um die Gültigkeit und nicht um die Botschaft selbst.

Die Flüchtlinge, die umverteilt werden sollen, wollen nicht nach Ungarn, sonst hätten die schon dort Asyl beantragt, wie es einige Wenige auch taten. Ich kann es Ihnen nicht verübeln, denn die Lebensstandards liegen deutlich unter EU-Niveau. Die ungarische Bevölkerung kämpft selbst ums Überleben und will keine neuen Lasten auf sich bürgen. Wenn die einen genauso wie die anderen nicht wollen, warum will dann die EU aus Brüssel trotzdem diese Umverteilung durchsetzen? In wessen Namen? Im Namen der Solidarität heißt es dann. Vielleicht sollten sich eher die reichen Länder mit den armen Ländern solidarisch zeigen, als umgekehrt. Aber vor allem sollten nicht gegen den Willen der Bevölkerung neue Gesetze geschaffen werden. Die Flüchtlinge, um die es eigentlich geht, werden eh nicht befragt. Das soll menschenwürdigendes Verhalten sein?

 

Standard
Das andere Geschlecht

Kleines Gedankenspiel über einen Kuss

Die Blicke treffen sich. Die Augenblicke, die einen Tick zu lang andauern und einander magisch anziehen. Sie scheint die seinigen zu mögen, zieht ihre fleischigen Lippen in die Länge, zeigt ihre hellen Zähne – wie schön ihre Augen dabei zu leuchten scheinen. Die Wellen, die Wärme, die Anziehung, die Nähe, dieses Verlangen nach dem anderen Wesen, da entschließt er sich, es zu wagen, sich ihr zu offenbaren, die Grenze zu überwinden, um sie zu kosten, zu riechen, zu ertasten – sie könnte abblocken, tut sie aber nicht und der Kuss fällt. Er presst seine Lippen auf die ihrigen, fängt ihre Oberlippe und lässt abgleiten, wie an einem Kugel Eis an einem heißen Sommertag. Man will es haben, aber es schmilzt dahin, dessen Geschmack man in sich saugt und gleich wieder, aus Lust es zu genießen, erneut versucht. Das von Blut voll gefülltes, warmes Fleisch schmeckt so gut, dass man es fast essen möchte. Die Glückshormone riechen so gut auf der Haut, dass man danach süchtig wird. Sie öffnet ihm den Mund, wie die Zungen sich suchend finden, der Druck größer wird, die Bewegung heftiger, sie umkreisen sich, ein Wirbel aus zwei fleischigen Geschmacksorganen entsteht, mal in die eine, mal in die andere Richtung sich drehend. Das Fleisch lässt die Muskeln harmonisch bewegen, das Atmen begleitet rhythmisch das Vermischen der Flüssigkeiten, ein Spiel der Moleküle entsteht, die zwischen den beiden Energiefeldern hin und her sich schwingen. Er nimmt sich leicht zurück und lutscht dabei langsam ihre Zunge bis zum Schluss ab. Sie lächelt ihn an und beißt auf seine Lippe. Schnell küsst er sie erneut, spielt mit ihr, saugt kurz mal an der oberen, mal an der unteren Lippe, kitzelt sie, indem seine Zunge seitlich über ihre zarte Haut streichelt und sie lässt’s sich gefallen, sie mag diesen nie zu enden scheinenden Kuss.

Standard
Politik

Flüchtlinge (von ’89 bis heute)

Dieses Wort ist schon seit etlichen Monaten in allen Munde, ein Schlagwort, bei dem jeder gleich hinhört und beim ersten gesprochenem Satz die meisten schon zu wissen scheinen, in welche Kategorie von Mensch der Sprecher einzustufen ist oder vereinfacht gesagt: Bei diesem Thema wird das Schubladendenken schön weiter gepflegt. Der Großteil der Künstler und Zeitungen sind pro Flüchtlinge, selbst dann, wenn die Flüchtlinge gar keine sind. Dementsprechend hörte ich mal die Aussage: „Warum sind Grenzen überhaupt da? Jeder Mensch sollte frei über die Erde wandeln können und dementsprechend sollte gehandelt werden!“ Meiner Meinung nach ist zwar diese Annahme in der Theorie wunderschön, doch sollte eine andere Theorie dies ergänzen: Konfuzius sah die Freiheit in einer bestehenden Ordnung gegeben, denn der Gegensatz von Ordnung ist Chaos und jeder kann sich vorstellen, dass die Freiheit im Chaos untergeht. Diese Ordnung in Europa hat seinen Preis und jeder Flüchtling sollte dies akzeptieren, tun viele aber nicht. Selbst ich als deutscher Bürger muss mich an- und abmelden, wenn ich beispielsweise umziehe und die Flüchtlinge nehmen sich das Recht raus, nach Europa einzumarschieren und nicht irgendwohin, nein nein, sie wollen in die wohlhabenden Länder. Wie erbost sie alle waren, als sie in Budapest festgehalten worden sind, weil sie sich nicht ausweisen konnten bzw. wollten, mal von der Registrierung ganz abgesehen. Aber ich kann ihren Missmut nachvollziehen, denn wer will schon in Ungarn bleiben? In einem Land, in dem man im Vergleich zu Deutschland nur die Hälfte des Geldes für die gleiche Arbeit kriegt, gleichzeitig aber für die Mieten, sowie die Unterhaltskosten fast genauso viel zu bezahlen hat. Wenn man Arbeit kriegt! Denn wenn nicht, sieht es noch düsterer mit den Sozialleistungen aus. Da ist man in Deutschland viel besser aufgehoben, das können Sie mir getrost glauben. Als ich letztens in Ungarn war, fand ich diese Aussage auch recht interessant: „In Deutschland sagt man, dass wir, Ungarn, den Flüchtlingen nicht helfen wollen. Als an die 100.000 Polen im Folge des 2. Weltkrieg zu uns geflüchtet sind, nahmen wir sie auf. Doch sie traten nicht die Tür ein. Nein, sie haben angeklopft.“ Heutzutage kursieren mal wieder die negativen Schlagzeilen über Orban, dass er die für Ungarn vorgesehenen Flüchtlinge nicht aufnehmen wolle. Warum sträubt er sich dagegen? Die Frage ist schlecht gestellt. Sie sollte eher lauten: Wollen die Flüchtlinge überhaupt nach Ungarn? Ich glaube, jeder kennt die Antwort. Er lässt es auf eine Volksabstimmung ankommen und schon liest man in den Zeitungen über Stimmen, die die Volksabstimmungen in bestimmten Situation nicht bevorzugen. Diese Leute haben wohl vergessen, wem sie ihre Stellung zu verdanken haben bzw. wem sie dienen sollten, eben – dem Volk. Etwas Positives will man über ihn ums Verrecken nicht berichten und das liegt nicht daran, dass es nichts Positives zu berichten gäbe: Bankensteuer, Senkung der Heizkosten, Familienförderung, Stabilisierung der Wirtschaft usw.. Naja, die Zeitungen werden schon wissen, was sie machen. Ich persönlich gebe sowieso nicht mehr viel auf die. Aber zurück zum Thema: Flüchtlinge.

Meine Mutter und mein Stiefvater sind mit meinem Bruder und mir damals (Anfang ’89) ebenfalls geflüchtet. Da man so viele Geschichten über Flüchtlinge erzählt, dachte ich mir, erzähle ich die Meinige: Fangen wir am besten da an, dass ich mit 11 Jahren gerade mich darüber aufrege, wie die Radiosprecher in die Songs reinquatschen, die ich mit meinem Kassettenrecorder aufnehmen will und somit ich wieder zurückspulen muss, um die Stelle zu finden, an der ich wieder neu aufnehmen kann, als mein Onkel in das Zimmer kommt und mir erklärt, dass wir packen müssen. Das Nächste, an das ich mich erinnere, ist, dass wir in einem Wiener Hotelzimmer Burger essen. Doch zu damaligen Zeiten war es ein besseres Gefühl, Burger zu essen, denn in ganz Ungarn gab es nur ein Mac Donald’s, erst vor kurzem eröffnet und stets mit einer langen Schlange versehen. Doch wie kamen wir nach Wien?

Meine Mutter hat ihre Eigentumswohnung verkauft und ist dann mit meinem Stiefvater nach Österreich gereist. Das klingt aber einfacher als getan. Damals war Ungarn schon seit über 44 Jahren ein kommunistisches Land. Wenn die westlichen Mächte Ungarn in 1956 beim Volksaufstand gegen die Russen geholfen hätten, wären es nur 11 Jahre Kommunismus gewesen. Der Westen hätte gar nicht gegen die Russen kämpfen müssen, denn die haben wir eigenhändig aus dem Land gejagt, doch leider kam die versprochene Verstärkung zur Stabilisierung der Lage nicht, so dass die Russen mit ihren Panzern Ungarn wieder überrollen konnten. Und warum kam die nicht? Der Sinai-Krieg um das Erdöl war dem Westen wohl wichtiger, somit konzentrierten sie ihre Kräfte auf dieses Gebiet. Die Russen überrollten Ungarn, mehrere Tote, tausende Verhaftungen und nochmals 33 Jahre Kommunismus. In diesen Zeiten hat man ein Visum gebraucht, um in den Westen fahren zu können. Auf so ein Visum musste ein normaler Bürger mehrere Jahre warten. Meine Mutter bekam irgendwann eins aber mein Stiefvater nicht, der – obwohl ungarisch sprechend – eigentlich aus Rumänien stammte und somit einen rumänischen Pass besaß. Also musste er sich im voll beladenen Taxi auf dem Boden hinter dem gut bestochenen Fahrer unter den vielen Koffern verstecken. Die Zollbeamten waren in dem Falle glücklicherweise nicht so gründlich. Wir wurden danach in der Begleitung meines Onkels ebenfalls an der Grenze in Mutters Obhut übergeben.

Von Österreich aus versuchen wir es mit dem Zug nach Deutschland, jedoch werden wir an der Grenze aus dem Zug gebeten. Mein Stiefvater darf nicht weiterfahren und meine Mutter erklärt schon seit Stunden den Zollbeamten auf deutsch, dass er ein Flüchtling ist. Sie redet viel und will die Beamten überzeugen, doch wie es sich später herausstellt, ist ihr deutsch noch schlechter als die meinige nach einem Tag Deutschunterricht. Wir müssen nach Österreich zurück und in einem Salzburger Hotelzimmer falten wir die Stadtkarte auseinander. Es geht dabei selbstverständlich nicht um die Sehenswürdigkeiten, sondern vielmehr um die Grenzgebiete. Wir entdecken eine deutsche Ortschaft nah der Grenze, ein kleiner Fluss scheint nur im Weg zu sein, der aber in Realität (nach Erzählung meines Stiefvaters) als ein stark strömender Fluss sich herausstellt und er in der Nacht kämpfen muss, um diesen Fluss zu überwinden. Die Kleider durchnässt, schlägt er sich durch den Wald und muss auch mal vor einem Hundestaffel sich verstecken – aber er schafft es.

Als nächstes erinnere ich mich an diese Betonkomplexe irgendwo in Bayern, in dem die Asylsuchenden zusammengepfercht wurden, um deren Sachverhalte geklärt zu bekommen. Wer? Wieso? Wohin? Anträge ausfüllen, ohne deutsch zu können, ist keine leichte Aufgabe. Zum Glück gibt es da einige Dolmetscher. Ich habe Angst in diesem Durcheinander, der in einer hitzigen Atmosphäre voller ungeduldiger und angespannten Menschen die Räume füllt. Anscheinend bin ich nicht der einzige, der das empfindet, denn meine Mutter will außerhalb essen gehen. Wir gehen erleichtert aus diesem Gebiet der Asylanten und finden irgendwo in der Pampa ein deutsches Restaurant, in dem wir Schnitzel mit Kartoffeln bestellen. Die Kellnerin ist nicht gerade nett und ich erwische sie zu meiner Verwunderung immer wieder dabei, wie sie das für mich unbekannte Wort „So!“ sagt. Was will sie uns damit sagen, frage ich mich. Ich beschäftige mich mit ihrem Verhalten und als wir das Restaurant verlassen, komme ich zu dem Schluss, dass irgendwas bei ihr nicht stimmt.

Nach ein paar Tagen werden die nahen Verwandten in Deutschland ermittelt. Meine Familie hat keine, also müssen wir zur Kusine meines Stiefvaters an den Bodensee. Wir verbringen ein paar Nächte da, aber die Stimmung ist negativ, deshalb suchen wir uns schnell eine nicht gerade günstige Unterkunft woanders. Mein Bruder und ich werden dann in eine deutsche Vorbereitungsklasse eingeteilt, in dem der etwas eigenwillige und recht humorvolle Deutschlehrer in der ersten Stunde die Funktionalität der deutschen Kläranlage auf die Tafel mahlt und erklärt. Ich fühle mich wie in einem schlechten Film, vor allem deshalb, weil meine Eltern jedes neue Wort auswendig gelernt haben wollen.

Zu meinen Eltern muss gesagt werden, dass mein Stiefvater schon ein paar Jahre im rumänischen Gefängnis wegen Steuerhinterziehung saß und meine Mutter mit der Zeit zu einer Alkoholikerin geworden ist. Am Anfang waren es nur 1-2 Flaschen Weinschorle am Tag, aber als der Cognac kam, ging es bergab mit ihr: Sie ging immer weniger arbeiten, bis sie ganz aufhörte, alles verkaufte und auswanderte. In Deutschland war eine Cognacflasche am Tag für die beiden keine Seltenheit. Es gibt zwei Typen von Alkoholikern: Die ruhig grinsenden Besoffenen und die Streitsüchtigen, die wiederum am Anfang ihres Alkoholkonsums eher zu den Partyleuten gehörten, aber mit der Zeit aus Enttäuschung sich immer mehr und mehr mit der Flasche anfreundeten. Meine Mutter zählte zu den Streitsüchtigen, sie musste immer ihren Willen durchsetzen. So war sie schon in ihrer Kindheit und sie ist irgendwie nie ganz erwachsen geworden. Sie stritt mit unserem Vater, mit meinem Stiefvater, mit dessen Familie, mit uns Kindern, mit dem Arbeitgeber, mit dem Verkäufer, der uns Kindern den Cognac nicht aushändigen wollte, weil wir deutlich minderjährig waren, also eigentlich, wenn ich es mir recht überlege, hat sie es mit jedem und jeder verkackt. Es kam zu Eifersuchtszenen mit meinem Stiefvater, denn jede Frau war in ihren Augen eine potenzielle schwanzgeile Nutte. Somit kam es auch mal zu Handgreiflichkeiten bei dem meine Mutter auch mal von meinem Stiefvater in den Schrank geschmissen und eingesperrt worden ist. Das Geld wurde unkontrolliert nach Lust und Laune ausgegeben, so dass wir (11 und 12 Jahre alt) zu Weihnachten von meiner Mutter 500 DM bekamen und damit in die weite Welt gehen konnten, um uns etwas zu kaufen. Und was haben wir damit gemacht? Na ein schönes, großes LEGO Piratenschiff gekauft! Oh mein Gott, war mein Stiefvater sauer, aber er konnte nichts machen, denn das Geld gehörte meiner Mutter und sie wollte mit dieser Geste in ihrem Suff nur ihre Liebe zu uns zeigen. Das meiste des Geldes hat wohl Rotkäppchen-Mumm Sektkellerei GmbH wegen der Marke „Chantré“ einsacken können. Zusammenfassend kann man ruhig sagen, dass das Geld aus der in Ungarn verkauften Wohnung in die deutsche Wirtschaft floss.

Ich persönlich schäme mich ein Flüchtling zu sein. Hasse es am Eingang vom Caritas für die kostenlosen Second-Hand Klamotten und Bettwäsche rumgeschubst zu werden oder habe Angst davor von einem Mitschüler beim Vorbeigehen dort wiedererkannt zu werden. Hasse die nimmer enden wollenden Behördengänge, bei denen wir als Übersetzer fungieren und hasse die unzähligen Formulare, die wir Kinder ausfüllen müssen. Habe Angst vor Nazis. Obwohl es eigentlich meine Mutters Entscheidung war aus dem Kommunismus zu flüchten, fühle ich mich auch wie ein Flüchtling. Laut deutschem Gesetz sind wir gar keine Flüchtlinge, mein Stiefvater zählt als Flüchtling, doch der Rest zählt zu den „geduldeten Ausländern“, deren Duldung immer neu beantragt werden muss und diese schon mehrere Male erst in letzter Sekunde verlängert worden sind.

Nach der Vorbereitungsklasse besuchen wir die Hauptschule und da wir fast nur Einser haben, können wir aufs Gymnasium wechseln. Wir strecken so viel, dass nach ein paar Tagen der englisch Lehrer nebenbei bemerkt, dass wir aufhören können zu strecken, da er sowieso weiß, dass wir die Vokabeln gelernt haben. Unserer Geschichtslehrer vergießt eine Träne und lächelt uns an als er vom Fall des eisernen Vorhangs bzw. von der Öffnung der ungarischen Grenze spricht. In dem Moment fühle ich mich als wäre ich etwas Besonderes, obwohl ich eigentlich mit der Sache direkt nichts zu tun habe. Wir machen unsere Hausaufgaben immer und verstehen nicht, wie die anderen so einfache Sachen nicht zu Hause erledigen können oder wollen. Später haben wir natürlich auch in dieser Hinsicht uns den Anderen angepasst. Im Abijahrgang wusste ich nicht mehr, bei welchem Lehrer mit welcher Ausrede ich mich schon wieder wegen Fehlen entschuldigen kann, ohne mich zu wiederholen. In den Ferien gehen wir arbeiten und können uns dadurch den Führerschein und ein Auto leisten, damit fahren wir des Öfteren mit Freunden nach Ungarn, um einen schönen Sommer am Plattensee bei meinem Vater zu haben. Laut Gesetz kann man nach sieben Jahren Schule in Deutschland sich einbürgern lassen. Wir gehen diesen Weg, weil es einfacher ist und müssen der ungarischen Staatsbürgerschaft entsagen. Somit sind wir keine Ausländer mehr.

Rückblickend muss ich sagen, dass ich Deutschland viel zu verdanken habe. Die Lehrer haben uns unterstützt und hatten viel Geduld mit unserer Mutter. Das Jugendamt nahm uns sofort in Schutz als unser Stiefvater handgreiflich wurde. Das Amt zahlte uns eine eigene Wohnung und die Unterhaltskosten für einige Monate bis zum Hochschulabschluss. Dank Bafög konnten wir studieren. Es ist beruhigend in so einem wohl funktionierenden Sozialstaat zu leben, doch verleitet dies allzu leicht dazu, es als selbstverständlich anzusehen und auszunutzen. Weil es eben so gut funktioniert und man „nur“ die bürokratischen Hürden überwinden muss, wird es meiner Meinung nach gar nicht so geschätzt. Dadurch verkommt man zu einem Nutznießer des Systems und wird ein Konsumkind. Saufen, Kiffen und Parties sind wichtiger als Wissen und Können. Irgendwann bleibt nur noch das Saufen und Hartz IV. Natürlich stellen sich diejenigen gerne als Opfer des Systems dar, letztendlich sind sie aber schwach und haben in diesem Großstadtdschungel aufgegeben zu kämpfen. Dann gibt es noch die Smarten, die Hartz IV beziehen und nebenbei noch schwarz arbeiten. Man ist in deren Augen blöd, wenn man normal arbeiten geht und vom System sich versklaven lässt. Wenn man die deutschen Politiker mit ihren hoch dotierten Nebenverdiensten, die übermenschlich hoch bezahlten Fussballstars, oder die abdankenden Manager mit ihren Millionenabfindungen nach gut oder auch nach schlecht getaner Arbeit betrachtet, ist dieser Gedanke gar nicht so abwegig. Jeder muss selber wissen, wo er auf dieser Welt, wie am besten lebt und überlebt. Leider wird auch in Deutschland seit Jahrzehnten die Kluft zwischen arm und reich stetig größer. Am besten lässt sich vielleicht der Zustand an Hand eines Ereignisses wiedergeben, bei dem ein Gast für den ganzen Tisch mit vielen Fünfziger-Scheinen bezahlt und als ich nachzähle, bemerke ich, dass er mir ein Fünfziger zu viel gegeben hatte und weise ihn darauf hin. Er nimmt den Fünfziger an sich und anstatt dass er sich bedankt, sagt er: „Ehrlich dauert es am längsten!“. Und der ganze Männertisch bricht in Gelächter aus.

 

Standard
Gastronomie

Abendschicht

Ein Tag wie jeder andere: Um 14 Uhr aufstehen, ins Internet, um 15 Uhr schnell unter die Dusche. Das einzig verbliebene Arbeitshemd (Notiz: morgen muss ich ein Hemd kaufen), das ich gestern verschwitzt nach der Arbeit zu Hause wusch, aufhängte und zu guter Letzt bügelte, anziehen und die Haare richten – Rasieren vergessen, also vom Treppenhaus noch mal zurück und dann in die S-Bahn. Zwei Stationen weiter raus, die vielen verschiedenen Leute passieren, rechts und links schauen, keine Autos weit und breit, ohne zu halten die rote Ampel überqueren, die an der anderen Straßenseite stehenden Passanten eines kurzen Blickes würdigen, kurz bücken und unterm Fotoapparat eines Touris vorbeihuschen, die Schöne im Park mit den hellblauen Augen, blondem Zopf, alleine liegend und eines Buches lesend beim Vorbeigehen beobachten, die Sonne scheint, das Bad ist voller Kinder, Basketballer, Fußballer:
„- Komm mal mit kurz. Lass uns mal da hinter reden.
– Warum dahinten reden? Hör mal, wenn du mir was zu sagen hast, kannst es mir hier sagen!
– Wo liegt dein Problem?
– Der Typ kommt an…“ Und so weiter.
Endlich bin ich auf der Arbeit angekommen, ab zur Umkleide, um 16 Uhr: Arbeitsbeginn. Die Sonne knallt, ich trage aber trotzdem eine lange schwarze Hose, Schürze und ein schwarzes, an den Ärmeln aufgekrempeltes Hemd. Die Liegewiese ist voller Gäste und ich habe die Ehre die Liegewiese zu machen. Alles klar! Marko, ein Italiener neapolitanischer Abstammung, hat die kurze Hose angelassen, unterhält sich prächtig an der Bar, sieht die Arbeit nicht; dass nichts vorbereitet ist, dass ich zu tun habe und dass ich vielleicht Hilfe bräuchte. Aber wenn die anderen mir helfen, bekomme ich sowieso ein schlechtes Gewissen, denn es heißt dann, ich würde meine Bestellungen nicht selber rausbringen, also: Konzentration! Ich nehme die Bestellungen auf, buche, bringe die Getränke und das Essen raus.

Meine Ex-Freundin kommt zu Besuch, ich unterhalte mich mit ihr und ihrer Freundin, fühle mich immer noch von meinen Arbeitskollegen in Stich gelassen, meine Ex hat sich letztens auch bescheuert verhalten und jetzt tut sie’s wieder, genauso wie ihre Freundin, die mir Komplimente macht, dass ich gut aussähe. Nett gemeint oder soll es eine Anmache sein? Sie hat einen älteren und nicht gerade attraktiv aussehenden Freund zu Hause und sie selbst scheint auch nicht mehr die Jüngste zu sein. Aber immerhin besser, wie meine Ex, die mir letztens erklärte, dass ich früher besser ausgesehen habe. Heute teilt sie mir zur Abwechslung mit, dass ihr jetziger Freund viel hübscher ist als ich, worauf ich erwidere, dass meine Freundin mich als Mann sehr schätzt und sie mir kontert, dass mir dafür noch 20 cm an Höhe fehlen würden. Als ob das eine Rolle spielen würde und sowieso hängt mir das ganze Gespräch zum Hals raus, aber immer locker bleiben und nicht vergessen, dass man ein Mensch ist und kein Tier, kein Bauer oder geschweige denn kein Arschloch. Gut, also lade ich sie auf ein Dessert ein und das findet sie auch ganz toll, genauso toll als ich sie letztens zum Abendessen eingeladen habe. Sie fragt mich, wieso ich das tue, (obwohl sie sich so mies verhält, denn dies zuzugeben, nein, das würde sie niemals tun) und ich antworte, dass sie sich ein Beispiel daran nehmen solle. Das war auch das letzte Mal, dass ich das tue. Sie hat ja jetzt einen Freund, der soll sich in Zukunft um so etwas kümmern.

Die Zeit vergeht. Peter, der aus Ostdeutschland stammende Barmann, hat wieder mal den Slow-Motion-Stil angenommen, den er immer annimmt, wenn seine Nerven durchgebrannt sind und er keine andere Wahl hat, als abzuschalten, bevor er völlig durchdreht. Marie, eine Abiturientin als Aushilfe, kommt um 18 Uhr und will schon wieder gehen, fragt mich, ob sie darf und ich antworte mit ‚ja‘, da ich alles im Griff habe und wir momentan sowieso nicht viele Gäste haben. Sie zieht sich daraufhin wieder um, aber Peter wurde gar nicht gefragt, also schickt er sie wieder zum Umziehen zurück und scheißt mich an, dass ich, wie schon mal gesagt, nicht zu entscheiden habe, wer nach Hause gehen darf und wer nicht. Nebenbei bemerkt wollte ich auch keine Entscheidungsgewalt, äußerte mich lediglich allgemein zu ihrer Frage. Woher sollte ich denn auch wissen, dass sie Peter einfach übergehen will? Sie hilft dann bei mir auf der Wiese mit, nimmt Bestellungen an, die ich auch eine Minute später hätte annehmen können und macht die Kerzen an, die auch Marko hätte machen können, wenn er nicht an der Bar für Peter, der sich immer noch in Slow-Motion befindet, abspülen würde. Ich spüle dann auch ab, anstatt untätig wie die anderen auf meine Getränke zu warten und um Peter meinen guten Willen zu zeigen, doch das scheint er nicht zu honorieren. Einen Cappucino habe ich falsch boniert, schon guckt er mich an, als hätte ich einen Stromausfall verursacht. Den trinke ich dann auch, was ihm wahrscheinlich noch mehr ärgert. Er reisst immer Sprüche darüber, dass ich Marie nach Hause schicken wollte, obwohl sie so viel boniert, schleppt, macht und tut. Ok, sie hat uns die Arbeit erleichtert, aber ohne sie hätten wir’s auch geschafft, wenn nur nicht so eine Kein-Interesse-Stimmung bei Marko herrschen würde. Vielleicht ist er gerade mal wieder in Gedanken, wie er nachts mit einem Baseballschläger seinen ehemaligen besten Freund die Rübe einschlägt, weil dieser ihn vor einigen Jahren zwei mal in den Bauch stach, so dass, wenn der eine Stich ein Zentimeter tiefer gegangen wäre, er nicht mehr leben würde. Er hat sich gerecht, schlau, wie er ist, nach 2 Jahren Wartezeit.

Der schmale, langgewachsene, in sich gezogen und etwas schwul wirkende Paul scheint auch sein Ding zu machen: mit leiser und neutraler Stimme fragt er die Gäste nach ihren Wünschen und notiert diese wie immer etwas steif da stehend. Natascha, unsere fleißige Kellnerin mit russischer Abstammung, wirkt fit, doch am Ende der Schicht gesteht sie auch, dass sie heute einen schlechten Tag gehabt habe.

Irgendwann unterm Nachthimmel übergibt mir ein Kollege meine Getränke und ich vertausche bei schwacher Beleuchtung den Alster mit dem Bier, da ich, von ihrer unterschiedlichen Helligkeit her gesehen, nicht viel erkennen kann. (Ein kleiner Tip: das nächste Mal dran riechen.) Ich habe falsch geraten, muss die beiden wieder mitnehmen, die Lage kurz Peter erklären und seine Reaktion ist folgender: Er füllt in das Bierglas den Schluck weggetrunkene Menge von Sprite nach (das sollte dann ein Alster sein) und gießt in das Alster Bier nach, was die Situation nicht besser macht, denn jetzt habe ich zwei sogenannte ‚Alster‘. „Ich bräuchte aber noch ein Bier.“- sage ich. Da sagt er zu mir: „Bon!“. Erstens hat er mich gar nicht verstanden, deshalb falsch reagiert. Zweitens panscht er mit angetrunkenen Bieren rum, macht dann aber auf akkurat, wenn es ums Bonieren geht! Also stampfe ich zurück zur Kasse, mein Kopf explodiert von seiner Idiotie, boniere das Bier nach, eile zurück zur Bar. Er guckt mich erstmal an, nimmt langsam den Bon und zapft dann geschmeidig das Bier. Und das kann er machen, weil er der stellvertretende Chef ist und der Chef grad nicht da ist! Bombe! Ich explodiere innerlich! Dieser Blick, dieser abwertender Gehst-mir-am-Arsch-vorbei-Blick! Ein Spast erster Klasse! Ein Möchtegern, ein Wichtigtuer und so einer hat mal wieder das Sagen!

Kurz vor Feierabend schaffe ich es dann noch 0,1 L Montepulciano statt 1 Liter zu bonieren, stelle die Flasche mit drei Gläsern auf dem Tresen. Peter arbeitet seine Bons ab: macht mir zuerst einen Weizen und weist mich danach abwertend und in aller Seelenruhe darauf hin, dass da nur 0,1L Wein boniert worden ist. Also buche ich 1 Liter nach und nehme die Flasche mit. Bei meiner Abrechnung zahle ich den vollen Preis für den Cappuccino, den 0,1 L Wein und dem Alster, die ich eigentlich auch umsonst bekommen hätte, wenn er, wie gewohnt, die storniert hätte, doch fragte ich ihn erst gar nicht. Anschließend mache ich mir mein Feierabendgetränk, einen Alster, selbst und kriege noch einen Anschiss, wieso ich es nicht boniert habe, da er ja den anderen Alster in den Abguss hätte schütten müssen. Er spielt sich plötzlich so auf, als ob wir noch nie umsonst ein Feierabendgetränk getrunken hätten, mal davon abgesehen, wieviele Freigetränke für die Gäste raus gehen: Ein Prosecco hier, ein Espresso da… Ein Vollspast! Ein Primat! Ein Vollidiot! Was soll ich noch sagen? Ich gehe mich umziehen. Als ich zurück bin, ist mein restliches Getränk weg! Marko hat’s nicht verräumt, der Wachmann war’s auch nicht und Peter meinte grinsend, dass er’s auch nicht war. Es hat wahrscheinlich die Erde verschluckt, aber den Tisch, auf dem es stand und das Restaurant, auf dem der Tisch stand, hat die Erde, ohne dass irgendjemand etwas davon zu merken vermochte, wohl wieder ausgespuckt.

P.S.: Die obere kleine Geschichte schrieb ich vor mehreren Jahren und in der Zwischenzeit wurde auch Peter von der Erde verschluckt. So wie ich es von meinen ehemaligen Arbeitskollegen mitbekommen habe, hat er nach seiner Spanienurlaubsreise zu Hause aufgeräumt, alles sauber gemacht, seinen schicken weißen Anzug angezogen und sich erhängt. Über die Gründe kann man nur spekulieren: wahrscheinlich war er psychisch am Arsch, weil er zu viel gesoffen und zu viel Scheiße durch die Nase gezogen hat. Der Urlaub alleine konnte ihm anscheinend auch nicht helfen. Er hinterließ eine Witwe und ihr gemeinsames Baby, sowie eine traurige, junge Kellnerin, wegen der er die beiden anderen schon vor einer Weile verlassen hatte.

Standard
Universum

Sinn des Lebens

Diesmal widme ich mich der Frage: Warum leben wir? Besser gesagt: Warum lebe ich? (Denn was interessierst du mich, wenn ich schon tot bin?) Also: Warum lebe ICH? Aber: Jedes „ich“ entsteht doch aus einem „WIR“. Ohne Vater und Mutter gäbe es mich gar nicht, also kehre ich doch zur ursprünglichen Frage zurück: Warum leben wir? Und daraus resultierend ergibt sich mir prompt die Antwort: Fortpflanzung! Ist ne tolle Sache! Ich meine: wer hat schon nicht gerne einen Orgasmus? Und daraus können noch kleine weitere meines Gleichen entstehen? Umso besser! Oder vielleicht doch nicht? Es gibt schon mehr als 7 Mrd. kleine wie mich. Na ja, einer etwas größer oder kleiner, schmaler oder beleibter, dunkler oder bleicher, traurig oder heiter, es geht immer weiter und weiter, doch letztendlich funktionieren wir alle gleich: Wir laden uns mit Essen und Trinken auf und entladen uns durch die Urin, Scheiße und den dazugehörigen Pfürzen. Eigentlich genauso, wie all die anderen Lebewesen auf Erden auch, also: Wo liegt da der Unterschied? Na im Denken und Reden und aus denen heraus resultierenden Handeln! Also leben wir aus diesen Gründen auf Erden. Gut. Oder doch nicht? Leben wir doch nur wegen dem gutem Sex, der durch die Nahrungsaufnahme und den Alter so lang wie möglich gewährleistet werden soll? Aber vielleicht muss man sich nicht unbedingt auf ein „entweder-oder“ festlegen, sondern bejaht das Eine sowohl als auch das Andere. Hmmm, wenn ich es mir recht überlege, macht das Scheißen manchmal sogar Spaß. Welch eine Erleichterung! Oh Gott! (Da fällt mir ein: Ich hatte mal eine im Bett, die während dem sexuellen Akt immer wieder „Oh Gott!“ gerufen hatte. Der nicht gleich schlüssige Zusammenhang machte mich zur Tatzeit etwas stutzig, aber sei’s drum, dachte ich mir, und machte eifrig weiter…) Wir sollten Gott aus diesem Gedankenspiel lassen, denn würde ich Gott fragen, kann aber nicht – habe leider keine Verbindung zu ihm. Andere Menschen scheinen diese Gabe zu besitzen, aber ich bin einfach zu realistisch.

Gerade zu dir soll Gott gesprochen haben?! Denke noch mal in Ruhe darüber nach, warum Gott, wenn es ihn wirklich gibt und er wahrscheinlich die ganze Zeit mit dem Entwurf des Universums beschäftigt ist, gerade mit dir, Elementarteilchen, sich abgeben soll; mit einem Teilchen, der sich nach Milliarden von Jahren aufgrund der Evolution zu dem, was du bist, entwickelt hat und das ist nicht mehr oder weniger als ein kleiner Scheißer. Also du, Scheißerchen, bist im Stillen gerade in jener Sekunde von Gott angesprochen worden, in der Gott von der Planung des Universum in seine Mittagspause ging und somit Zeit hatte, gerade dir was wichtiges zu sagen, wie zum Beispiel: was die Menschheit zu tun oder zu lassen hat? So verhielt es sich wahrscheinlich auch in den Zeiten des alten und neuen Testaments. Die Bibel, die 10 Gebote und was weiß ich noch alles. Viel plausibler erscheint mir jedoch die Geschichte so, dass ein guter Schriftsteller die Sache als Gottes Worte verkaufen wollte, um sich Gehör zu verschaffen. Ein netter Schachzug, wie man sieht, selbst heute noch fallen Milliarden von Menschen darauf rein. Doch zurück zur Schlüsselfrage allen Seins: Warum leben wir? Um es kurz zu fassen: Weil es so ist.

Die Frage sollte eher heißen: Was machen wir aus unserem Leben? Ich hoffe jeder nur das Beste. Und wenn das gut für dich ist, ist es auch gut für mich, denn es geht um das Wir und nicht um das Ich. In dem Sinne ist das der Sinn des Lebens.

P.S.: Wer Genaueres erfahren will, sollte die Schriften über Konfuzius lesen. Zwar bin ich nicht mit allen Thesen voll einverstanden, doch das Meiste lässt sich durchaus vertreten.

P.P.S: Hubert Reeves sagte: „Der Mensch ist die dümmste Spezies! Er verehrt einen unsichtbaren Gott und tötet eine sichtbare Natur, ohne zu wissen, dass diese Natur, die er vernichtet, der unsichtbare Gott ist, den er verehrt.“

Standard
Gastronomie

Kurt und die Gäste

Es ist an sich ganz einfach: Man geht zu A und dann zu B, um dann über C zu D, um wieder bei A zu landen. Und alles wiederholt sich im Groben so, wie eben beschrieben, den ganzen Tag über, 5 Tage die Woche, ca. 20 Tage im Monat, ca. 240 Tage im Jahr und das mache ich schon mehr als 10 Jahren. Bildlich gesprochen steht A für „Gast“, B für die „Kasse“, C für die „Mise en Place Station“ (Besteck, Salz-,Pfefferstreuer und Brot) und D für die „Getränkeausgabe“. Eigentlich einfach, möchte man denken, im Normalfall ist es ja auch, aber wann kann man in einem gut besuchten Restaurant von einer Aneinanderreihung von Normalfällen ausgehen? Nie. Und ich spreche jetzt nicht von den Restaurants der oberen Preisklasse, in dem die Kellner unbedingt glattrasiert sein müssen und schicke Lederschuhe tragen müssen, sondern eher von einem Restaurant oder einer Cafeteria mit Speis und Trank der Mittelklasse, in dem Turnschuhe eher angebracht sind, wenn man täglich 10km zu laufen hat; von A nach B und so weiter. Zum Glück gibt es jetzt diese Sportuhren mit Schrittzählerfunktion, da kann man dann leicht nachrechnen, was man am Tag geleistet hat und an einem gut besuchten Tag sind es nun mal mehr als 10 Tausend Schritte. Und dann fragt man sich nicht mehr, warum bei den Langzeitkellnern so etwas wie Knie oder Rückenbeschwerden, Bandscheibenvorfälle, Rheuma oder sonstige andere Krankheiten entstehen. Die meisten Vorgesetzten erwarten von einem immer alle Getränke mit diesem idiotischen Tablett zum Gast zu tragen, auch wenn das Tablett zu schwer ist, egal, denn es sieht ja besser bzw. professioneller aus. Dass die langfristig einseitige Belastung den Rücken schädigt, ist nebensächlich. Klar: Immer schön die Leute unterordnen und nach außen gut aussehen, auch wenn es innen weh tut. Da freue ich mich immer, wenn ich mal bei meinem Lieblingsitaliener bin, bei dem die Kellner die Einheitsgläser übereinander gestapelt in der einen Hand und das Getränk in der anderen Hand an den Tisch bringen. Was für eine (R)Evolution! Um Missverständnisse zu vermeiden: ich rede hier auch nicht von den jungen Kellnern, die mal neben dem Studium sich was dazu verdienen oder so. Ich rede von den Kellnern, die schon seit 10-20 Jahren im Geschäft sind. Das sind die Leidtragenden. Natürlich kommen jetzt die Klugscheißer und sagen: War ja klar, wäre er doch schlauer gewesen, hätte er doch was dazugelernt, eine leitende Position sich ausgesucht oder einfach mal den Beruf gewechselt. Man meint also den Bürojob, bei dem der Büromitarbeiter 8 Std. lang im Bürosessel sitzt und deshalb einen Bandscheibenvorfall hat. Das alles entsteht doch nur, da es dort ebenfalls Vorgesetzte gibt, die sich nicht um ein gesundes Umfeld bemühen, sondern nur an Profit denken. Was kann ein Mensch, wieviel kann so ein Mensch leisten, was kann dieser Körper, diese genetische, aus kleinsten Zellen bestehende Maschine? Umso mehr Profit so ein einzelner Mensch einbringt, desto besser. Doch was wird aus den Schwachen, den nicht so Schnellen, den nicht so Intelligenten, den Behinderten? Und man stelle sich die Bedingungen vor, wenn am Arbeitsplatz noch Mitarbeiter sind, die aufgrund einer kleineren Behinderung (wie Rechen- oder Konzentrationsschwäche) in die Gesellschaft integriert werden sollen. Wobei ich aus Erfahrung sagen muss, dass ich manchmal nicht weiß, ob es nicht besser wäre, wenn die sogenannten „mit gesundem Menschenverstand ausgestatteten“ sowohl Mitarbeiter als auch Gäste, eher etwas von den Behinderten lernen, als umgekehrt. Damit kommen wir zur menschlichen Komponente. Die Komponente, die aufgrund des militärischen Tons bei der Arbeit, der wiederum mit der Funktionalität und Effizienz des Profitdenkens begründet wird, keinen Platz mehr hat. Hier einige Beispiele dafür, was sich alles am Arbeitsplatz so ereignet.

Leider ist es so, dass verschiedene Situationen nicht berücksichtig worden sind, wenn ein Kellner, sagen wir mal, mindestens 8 voll besetzte Tische hat. Sobald ein Tisch frei wird, wird er von Gästen angepeilt, die es anscheinend eilig haben. Diese Gäste im Allgemeinen haben die Angewohnheit sich an die Umstände anzupassen, d.h. wenn viel los ist, steigt ein unbewußtes Angstgefühl hoch, das wiederum bewirkt, dass sie schnell bestellen wollen.

Manche bestellen schon im stehen, während sie die Jacken ausziehen, mal davon abgesehen, dass der Partner nicht mal weiß, was er trinken will. Manch andere setzen sich angespannt hin und fangen gleich an, irgendeinem Kellner zuzuwinken. Ab und zu wink ich scherzhaft lächelnd zurück.

Wie es so üblich ist, frage ich, wenn ich keine Menükarten in der Hand habe:“Guten Tag, möchten Sie einen Blick in die Karte werfen oder wissen Sie schon…?“. Gereizte Antwort: „Nein, haben Sie ’ne Karte?“

Es gibt dann auch die Gäste, die egoistisch unterwegs sind. Mal davon abgesehen, dass sie verlernt haben zu grüßen, fangen die 4 Personen gleich an zu bestellen. Der dritte merkt dann an meiner langsamen Bewegung, wie ich meinen Notizzettel und Stift aus meiner Kellnertasche heraushole, dass hier vielleicht etwas nicht stimmt. Er kann ja nicht wissen, dass ich Bestellungen von 2 Tischen mit jeweils 2 Personen im Kopf habe, obwohl die vier ,wie gebannt, mich die ganze Zeit angestarrt haben.Was bei solchen Leuten in den Köpfen vorgeht, will ich gar nicht wissen. Oder doch? Ich meine, ich kann mir ehrlich nicht die Situation vorstellen, wie ich mit 3 denkenden Köpfen, mit denen ich mich verabredet habe, wie Hühner auf der Stange sitzend, die Schritte des Kellners verfolge und dann wie erlöst einen Milchkaffe und einen Kuchen bestelle.

Aber zum Glück haben wir in unserem Etablissement einen Kellner, der eben diesen Gästen gewachsen ist. Sein Name ist ,sagen wir mal: Kurt. Kurt ist ein Mann, der schon über 55 ist, keine Treppen steigen sollte, weil seine Knie nicht mehr wie früher sind, etwas beleibter ist, somit Platz braucht, und seine Bremsen funktionieren nicht mehr so gut, d.h. dass wenn er mit Sachen bepackt schneller geht, weil er ja ein guter Kellner ist, sollte man sich ihm nicht in den Weg stellen, sonst muss er abbremsen und wie gesagt, die funktionieren nicht mehr so gut. Im Restaurant als Gast einfach rumzustehen, ist sowieso für ihn eine Unsitte, vor allem dann wenn diese Personen an der Getränke- oder Abräumstation stehen, die für den Kellner selbstverständlich frei zugänglich sein sollten. Stellt man sich an diese Positionen, wird man mit seinen vorwurfsvollen, weit geöffneten Augen und zusammengepressten Lippen konfrontiert. Er redet stets laut und mit tiefer Stimme, so am besten, dass das ganze Restaurant mithören kann. Am Ende des Satzes hebt er nochmals seine Stimme an, damit man weiß, wie wichtig es ist, was er sagt. Seine Lieblingssätze, die man so tag-täglich mitkriegt sind:“Einen Moment bitte!“, „Vorsicht!“, „Klein oder groß?“, „Mit oder ohne Sahne?“. Denn wenn er eine Bestellung annimmt, ist er überaus präzise und wie gewöhnlich laut und er klingt etwas vorwurfsvoll, wenn er seine Fragen stellt. Beispiel:

  • Frau: „Ich hätte gerne eine Apfelschorle und…“
  • Kurt unterbricht sie: „Klein oder Groß?“
  • Frau: „Klein und einen Kaffee und…“
  • Kurt unterbricht sie erneut gereizt: „Tasse oder Pott?“
  • Frau: „Hm, Tasse und noch einen Blechkuchen.“
  • Kurt reißt seine Augen auf: „Ja, welchen?! Wir haben drei Verschiedene!“. Und zeigt ihr drei seiner Wurstfinger vors Gesicht.
  • Frau zeigt auf die Kuchenvitrine: „Den einen in der Mitte.“
  • Kurt entspannt sich etwas und sagt: „Spanischer Mandel. Mit oder ohne Sahne?“
  • Frau: „Ohne Sahne und was trinkst du Schatz?“
  • Schatz: „Ich nehme ein Bier.“
  • Kurt bemerkt energisch: „Ja welchen?! Wir haben Pils, Schwarzbier oder Hefeweizen!“
  • Schatz: „Dann nehme ich ein Pils.“
  • Kurt wieder entspannter: „Ja, klein oder groß?“
  • Schatz: „Klein bitte.“
  • Kurt: „Danke!“. Und wie gewohnt, wird das Ende des Wortes betont, also das ‚e‘.

Wenn einer bestellen will, aber noch nicht dran ist, sagt er: „Einen Moment bitte!“. Denn keiner sollte sich vordrängeln, jeder der Reihe nach! Also läuft er zum Nachbartisch, der zuerst dran war. Dann geht er zur Kasse und gibt seine Bestellung ein. Da dieser „Drängler“ es gewagt hatte, ihn anzusprechen, wird er am besten erstmal ignoriert. Er bereitet dann (wenn nötig) Besteck vor, bringt Getränke raus und erst dann geht er zum Tisch des „Dränglers“. Wenn der sich sogar noch beschwert, dass Kurt zu lange gebraucht hat, reißt Kurt seine vorwurfsvollen Augen weit auf und belehrt ihn auf die Getänkeausgabe zeigend: „Einer muss ja auch noch die Getränke hinausbringen!

Wenn ich Kurt frage, ob schon Besteck am Tisch ist, sagt er plump zu mir: „Natürlich ist da Besteck!“. Wenn aber mal keins da ist, schweigt er über die Sache. Im Allgemeinen kann man sagen, dass wenn einer einen Fehler macht, wird derjenige von Kurt gleich vorwurfsvoll zu recht gewiesen, wenn er einen Fehler macht, gibt es immer eine (für ihn) plausible Erklärung. Ja so ist der Kurt, der alte Motzer, aber zum Glück hat er auch mal seine guten Tage, in denen er sogar witzig sein kann.

Standard